Wann ist ein Gegenstand „lebensmitteltauglich“ und was muss man beim Thema Verpackung beachten?

Lebensmittel-Bedarfsgegenstände

Oder auch: Wie Verpackungen Lebensmittel beeinflussen können

Verpackungen sind Lebensmittel-Bedarfsgegenstände. Bedarfsgegenstände ist ein sperriger Begriff. Taucht aber immer wieder auf in Gesetzestexten, Vorordnungen und so weiter. Zusammengefasst:

Als Bedarfsgegenstände gelten Gegenstände, welche dazu gedacht sind mit Lebensmitteln, Kosmetik oder dem Menschen nicht nur vorübergehend in Kontakt zu kommen.

Für Nerds hier die genauere Erklärung, alle anderen scrollen bis zur nächsten Überschrift!

Lebensmittelbedarfsgegenstände müssen beim Inverkehrbringen mit der Angabe „für den Lebensmittelkontakt“ gekennzeichnet sein oder mit einem Hinweis, wofür sie gedacht sind (z.B. Flasche für Wein) oder mit „Glas und Gabel“ Symbol.  Außerdem mit Hinweisen zum ordnungsgemäßem Gebrauch und dem Hersteller bzw. Importeur.

Was das genau Bedarfsgegenstände sind, ist europaweit in der Verordnung (EG) Nr. 1935/2004 (Verordnung über Materialien und Gegenstände, die dazu bestimmt sind, mit Lebensmitteln in Berührung zu kommen), der (Verordnung (EG) Nr. 2023/2006) über gute Herstellungspraxis für Materialien und Gegenstände, die dazu bestimmt sind, mit Lebensmitteln in Berührung zu kommen und noch einige weitere VOs definiert (z.B. die VO 372/2007 Verbot von Weichmachern in Deckeldichtungen oder die Kunststoffverordnung Kunststoff-Verordnung Nr. 10/2011 ).

 In Deutschland ist dies überwiegend im §2 vom Das „LFGB“ oder auch Lebensmittel- Bedarfsgegenstände und Futtermittel – Gesetzbuch geregelt.  Für uns in unserem Metier also jedes Equipment was wir in Bezug auf Lebensmittel verwenden. Welche Stoffe in Bedarfsgegenständen vorhanden sein dürfen oder nicht bzw. in welcher Konzentration ist in Deutschland in der „BedGgstV“ geregelt.  (Anhang 1 zu § 3 bzw. in Anhang 5 zu § 6)

Produkte, welche in diesen nicht genannt sind, werde in der „Richtlinie über die allgemeine Produktsicherheit 2001/95/EG (RLAP)erfasst, bzw. in Deutschland im Geräte- und Produktsicherheitsgesetz (GPSG). Weiteres wird noch geregelt in Rechten und VO rund um Chemikalien. Darüber hinaus werden die Leitsätze aus dem „Deutschen Lebensmittelbuch“ herangezogen.

Grundsätzlich gilt der Satz, das von Verpackungen keine gesundheitsschädlichen Stoffe auf das Lebensmittel übergehen dürfen.

Dass es so viele Gesetze und Verordnungen gibt, die sich mit diesem Thema befassen, zeigt das es hier großen Handlungsbedarf gibt. Denn:

Es gibt kaum Materialien, aus denen nicht irgendwelche Stoffe oder Zusatzstoffe in Lebensmittel übergehen können bzw. migrieren. Der Verein Foodwatch hat mehr als 250 gesundheitsschädliche Stoffe identifiziert, welche migrieren können.

Beispiele: Aus Keramik kann Blei oder Cadmium austreten, aus Metalllegierungen Chrom oder Nickel, aus Kunstharzen Formaldehyde, aus Kunststoff Weichmacher, aus Papier, Karton und Pappe aus Recyclingmaterial geht auch Mineralöle in Lebensmittel über… grundsätzlich sind Grenzwerte oder Verbote für schädliche Stoffe festgelegt – soweit diese bekannt sind. Es gibt darüber hinaus noch weitere Migrationsquellen von denen Stoffe wie z.B. Mineralöle in Lebensmittel übergehen können, so das bei Testungen der Lebensmittel Mineralöle oder Chemikalienrückstände gefunden werden, welche aber (eigentlich) nicht aus der bereits überprüften Verpackung dieser Lebensmittel stammen können. Z.B. Holzpaletten, auf denen die Rohzutaten gelagert wurden, könnten Stoffe an diese Produkte abgegeben haben, bzw. die Holzpaletten im Lager des Zwischenhändlers. Beim Transport können Lebensmittel ebenso auch Stoffe über Abgase oder andere Gase aufgenommen haben.

Das diese Grenzwerte eingehalten werden, dafür ist der Hersteller oder Importeur zuständig. Hersteller oder Importeur müssen den Behörden entsprechende Unterlagen zur Verfügung stellen. Vom Grundsatz her sollte der Verbraucher davon ausgehen, dass in der EU hergestellte Lebensmittel-Bedarfsgegenstände in Prüfinstituten auf Migration hin getestet wurden.

Das BVL und die einzelnen Landesämter testen zusätzlich nach einem Monitoring-Plan, wie sicher Lebensmittel- Bedarfsgegenstände sind. Jedoch ist es leider nicht so, dass alle Bedarfsgegenstände, welche in Deutschland auf dem Markt sind, automatisch getestet und z.B. „freigegeben“ werden. Das bestehende Grenzwerte allerdings auch überschritten werden, wird leider immer mal wieder durch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) festgestellt.

Die Sache mit der Bambustasse

Am Beispiel Melamin kann man sehen, dass es wohl schwierig ist, diese Grenzwerte einzuhalten. Oder vielleicht sind sie halt einfach nicht im Ursprungsland getestet worden? Seit ein paar Jahren sind Bedarfs- Gegenstände wie Tassen, Schüsseln und Teller auf dem Markt aus Bambusfasern oder anderen Fasern wie Maisfasern. Diese werden häufig mit Melamin-Formaldehyd-Harz zusammengehalten. Der Kunde kauft und benutzt ein vermeintliches Naturprodukt und weiß wahrscheinlich gar nichts über seinen formaldehydhaltigen Becher. Jedoch findet sich im Überwachungsbericht 2019 vom BVL dazu ein extra Kapitel. Bei einem Viertel der Proben wurde festgestellt, das bei höheren Temperaturen, also bei Kaffee oder beim Erhitzen in der Mikrowelle) Melamin und Formaldehyde in das Lebensmittel übergehen. Da mit dem Monitoring -Plan nicht ALLE auf dem Markt befindlichen Behälter testet, sondern nur eine Auswahl, könnte man vermuten, dass diese Ergebnisse nur die Spitze vom Eisberg darstellen.

Was hat das mit meinen Lebensmittelverpackungen zu tun?

Ich möchte anregen, über dieses Thema verstärkt nachzudenken unter verschiedenen Aspekten:

Erstens: Da aktuell wegen der „Corona“ Lage fast alle Gastronomen sich irgendein TO Go Geschäft oder Lieferservice überlegt haben, um irgendwie über die Runden zu kommen ist das Thema Verpackung ein Thema, was sicher wieder mehr in den Blick gerückt werden wird durch Verbraucherschützer und Medien. Es ist immer mal wieder eine Verpackung und Produktgruppe im Trend, die dann aus Fernost auf den Markt geschwemmt wird (siehe oben) und immer billiger angeboten wird.

Ich bitte Euch, beim Einkauf von Verpackungsmaterial nicht das billigste zu verwenden, sondern möglichst auf eine Herkunft aus Europa zu achten. Vielleicht wäre es auch möglich, Pfandverpackungen zu etablieren oder trotz Corona einen Weg zu finden den Kunden eigene Behälter zu füllen.  Das ist manchmal einfacher als gedacht. (Ich berate gern rund um dieses Thema!)

Richtige Lagerung ist wichtiger, als man auf den ersten Blick denkt!

Es werden auch schon mal gerne Müllsäcke (Plastik oder Papier) verwendet um Lebensmittel wie z.B. alte Brötchen, zu lagern. Recyclingmaterial, insbesondere Müllsäcke, sind nicht lebensmitteltauglich. Sie geben Schadstoffe ab! Das dürfen sie auch, denn sie sind ja nicht gedacht für die Lagerung von Lebensmitteln. Auch nicht jedes Kunststoff-Fass oder Eimer, ist geeignet für Lebensmittel, bloß weil es weiß ist und gut anzusehen. Immer auf das „Zugelassen für Lebensmittel“ Zeichen (oben) achten. Holzkisten, die für die Lagerung von Weinflaschen gedacht waren, sind nicht unbedingt tauglich für Äpfel usw. In der Regel sollten Gegenstände, die für einen bestimmten Zweck hergestellt wurden, auch nur für diesen oder ähnliche Zwecke verwendet werden. Die Naturkost Industrie hat sich übrigens ein eigenes Label für Obst- und Gemüsekisten gegeben: Die Kennzeichnung NAPF Bedeutet: Naturkostpfandkiste. Das Material ist den besonders hohen Anforderungen der Bioverbände entsprechend ausgewählt.

Naturkost-Pfandkiste
NAPF Kiste

Außerdem möchte ich dazu anregen, beim eigenen Bedarf mehr bei Bewährtem zu bleiben. Muss es denn der schicke Bambusfaserbecher oder der Thermobecher aus Kunststoff sein? Geht nicht die gute alte Edelstahl-Thermo-Tasse? Meine Thermo-Tasse hält jetzt schon 10 Jahre.

Soweit so gut. Aber nun zum Thema

Migration durch die Hintertür, gute Lagerhaltung und warum es besser ist, wenn bestimmte Produkte im Ursprungsland in Kunststoff vakuumiert werden.

Wie oben beschrieben, migrieren schädliche Stoffe aus unterschiedlichsten Quellen auf Lebensmittel.

Über die Benutzung von Müllsäcken zur Lagerung von Lebensmitteln habe ich oben geschrieben. Ein weiteres dunkles Kapitel der Lagerhaltung ist die beliebte Holzpalette, welche gerne im Lager weiterbenutzt um Mehl- oder Getreidesäcke (aus Papier) zu lagern. Abgesehen davon, das man nicht wissen kann was an Schädlingen mit der Palette ins Lager transportiert wird, das die Holzpalette keine Nassreinigung verträgt usw. (wer mich schon mal im Lager stehen hatte, weiß wie ich dann schimpfe), kann niemand sagen, welche giftigen Stoffe aus der Holzpalette durch das Papier in Getreide oder schlimmer noch Mehl, migrieren können. Normalerweise dient die Holzpalette zum Transport. Zum Lagern sollten Kunststoffpaletten mit Lebensmittelzulassung verwendet werden. Ich hoffe, dass jetzt jeder versteht warum.

In der „Unverpackt Szene“ ist es manchmal ein Thema, das bestimmte Produkte im Ursprungsland in Kunststoff vakuumiert werden.

Daher gehe ich hier noch kurz darauf ein, was die wahrscheinlichsten Gründe hierfür sind am Beispiel

Cashewnüsse oder der beliebte Nussbruch

Die Cashewnuss kommt aus Brasilien, Asien, Indien und Afrika.  Diese Nuss benötigt Feucht-heißes Klima. (Botanisch ist die Nuss ein Kern. Aber egal.) Sie wird im Ursprungsland mit einem recht aufwändigem Verfahren aus der Frucht und der Schale gelöst. Dies geschieht aus verschiedenen Gründen vor Ort, die lasse ich jetzt Aussen vor. Sie verhindern im Ursprungsland die Landflucht, aber bei diesem Produkt empfehle ich nicht nur auf BIO zu achten, sondern auch noch auf faire Herstellung. Die Produktion dieser Nuss ist aufwändig. Das Produkt an sich ist jedoch ein hochwertiges und obendrein leckeres. Dies soll auch so bleiben, und daher wird die Nuss am Ursprungsort vakuumiert.

Wer weiter oben aufgepasst hat, weiß jetzt schon einige Dinge und kann besser verstehen warum:

Die klimatischen Bedingungen im Ursprungsland sind nicht gut für geknackte Nüsse, denn die können schnell ranzig werden.

Es gibt dort Schädlinge, die sich gerne in den geknackten Nüssen einnisten würden.

Weite Transporte besser im Vakuum

Der Transportweg ist weit. Abgesehen davon, das vakuumiertes Material weniger Platz benötigt und es leichter zu verpacken ist, lauern auf dem Transportweg (Wochenlange Schiffstour und Zwischenlagerung in Häfen und Zolllagern) beständig Gefahren in Form von schädlichen Stoffen, die von den Nüssen quasi angesaugt würden.

Im Sinne der Produkt- und Verbrauchersicherheit ist es also zu begrüßen, wenn sie vakuumiert sind.

Fazit / meine Meinung:

Erstens: Nicht jede neue Verpackung ist gut, nur weil sie Umweltfreundlichkeit suggeriert. Man sollte eher auf Verpackungsmaterial aus Europa zurückgreifen als aus Fernost – ist so ein halb bestätigtes Gefühl von mir. Papier aus Recyclingware ist nur mit Prüfsiegel als Lebensmittelverpackung tauglich, und Holz gehört nicht ins Lebensmittellager.

Seit bitte ehrlich zum Verbraucher: Warum manchmal Verpackung sein sollte, muss man aktiv kommunizieren und ehrlich zum Verbraucher sein

Was ich nicht verstehe ist folgendes:

Dem Verbraucher reichen nicht die leckeren einheimischen Nüsse in nachhaltiger Originalverpackung. Also wird dem Verbraucherwunsch genüge getan und exotische Nüsse werden angeboten. O.K.

Die Ökobilanz dieser Nüsse ist sowieso schon schlecht, weil sie um die habe Welt transportiert wird.

Also mal ehrlich: Wenn man den Trend zu immer exotischeren Zutaten, welche ständig verfügbar sein sollten, mitmachen möchte, dann muss man auch dazu stehen, dass dies nun einmal Produkte sind, welche vakuumiert transportiert werden. Und dem Verbraucher dies auch kommunizieren. Könnte ja sein, das dann lieber Walnüsse mit Schale aus Deutschland gekauft werden.

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